Kiki schreibt, Mein Klassenbuch, mit 40...
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Die Geister, die ich rief

Ohne groß nachzudenken stelle ich mich an einem Freitagmorgen freiwillig zur Doppelbesetzung in meiner Klasse bereit. Sehr schnell gelange ich in die Schülerrolle des ungebiebten Faches. Es wird Physik unterrichtet. Ich bin wirklich reif für Ferien. Seilzüge, Rollen – fest und lose, Gewichte, Newton. Um nur ein paar der Schlagworte zu nennen, die bei mir bömische Dörfer im Kopf entstehen lassen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich in einem Raum mit ansteigendem Gestühl sitzen. Zwischen Tafel und Pult der angeblich beste Physiklehrer der Schule. Er gab sich alle Mühe, uns den Unterrichtsstoff verständlich zu vermitteln. Immer wieder hatte er diverse Versuchsaufbauten auf dem Pult stehen, die uns das Verstehen erleichtern sollten. Links neben mir meine Freundin und Klassenbeste in Physik. Immer wieder ging ihr Finger nach oben und sie trug maßgeblich zum Unterrricht bei. Da konnte ich nur froh sein, dass aus unserer Ecke genug Beteiligung zum Unterricht kommt und der Focus nicht so sehr auf mich fiel. Damit die Zeit (immerhin zweimal 45 Minuten meines Lebens!) nicht völlig vertan war, sah ich mir den Pullover des Klassenkameraden vor mir genauer an. Ein Strickpulli. Gefertigt von einer großen Bekleidungsfirma, in deren Logo das „E“ nur drei waagerecht übereinanderliegende Striche hat. Das Muster faszinierte mich. Mit großem Enthusiasmus begann ich Maschen und Reihen zu zählen. Dabei war ich froh, dass der Pullover sich in den Farben gelb und grün im Besitz des Klassenkameraden befand, denn eine Stunde reichte für diese Aufgabe nicht. Der Physiknote half dieser wunderschöne Pullover natürlich nicht. Sehr glücklich und erleichtert war ich, als ich mit Beginn der Oberstufe dieses Fach von meinem Stundenplan streichen konnte – damals nichtahnend, dass es mich einholen würde.

Innerlich muss ich mich schütteln. Diese Gedanken müssen weg, sonst bin ich dem Kollegen heute keine Hilfe. Nach überstandener Einstiegsphase betreue ich den einen oder anderen Schüler bei der Bearbeitung eines Arbeitsblattes. In zwei Schülerinnen sehe ich mich ein bisschen wieder. Allerdings haben sie niemanden mit schönem Pullover vor sich sitzen. Die Zeit ist also wirkich vertan.

© 2015 KS

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