Geteilte Stadt

von | Nov 20, 2017 | Bonn, ohneumweg-zuHause | 0 Kommentare

Es ist 7.23 Uhr und wieder einmal mehr werde ich Zeugin meiner geteilten Stadt und muss unter ihr leiden. Dabei ist meine Stadt nicht durch politische Verhältnisse geteilt. Oder in Arm und Reich. Es ist auch nicht so, dass die eine Seite sich durch Besonderheiten herausstellt, der die andere nichts entgegen zu setzen hätte. Die eine Seite bietet den Venusberg mit den waldigen Ausläufern des Kottenforst. Die andere Seite bietet dafür die Rheinaue, die anlässlich der Bundesgartenschau 1979 angelegt wurde. Gemütliche und dorfähnlich Stadtteile, in denen man sich noch kennt versus schöne Innenstadt mit einer ausreichenden Anzahl von Geschäften und Cafés. Der Schlossteich sticht den Rhein aus. Das ehemalige Regierungsviertel auf der einen Seite, die große Süßwarenfabrik aus der anderen Seite. Die meisten Museen sind auf diesseits angelegt, das Schloss jenseits … Die Aufzählung könnte noch lange weitergehen. Keine Seite ist also wirklich benachteiligt, wie wir es von anderen Teilungen kennen. Dennoch ruft sie immer wieder Empörung, Unverständnis und Unmut hervor. So auch an diesem Morgen. Viele Menschen sammeln sich an der Grenze: zu Fuß, mit dem Rad oder sogar im Auto. Einige drehen wieder ab und suchen einen anderen Übergang. Dafür kommen andere hinzu. In Gedanken fange ich einige Spiele an: Wie viele Menschen tragen Fahrradhelme? Wie viele nicht? Wie viele Menschen sind zu Fuß unterwegs? Wie viele mit dem Rad? Wie viele Autos lassen den Motor laufen? Wie viele Menschen telefonieren über ihre Freisprecheinrichtung im Auto und lassen die  Welt an ihrem Thema teilhaben? Und so weiter… Auf dem Grenzstreifen rauscht der erste Zug vorbei. Alle Blicke richten sich gebannt auf die Schranke. Denn wenn die Bahn diese passiert hat, bewegen sich die Flügel kurz, um sich dann endgültig   aufzustellen. Es bleibt alles still, nicht ein Hauch der Bewegung. Beim zweiten Zug ist das nicht anders, auch nicht beim dritten, vierten und fünften. Heute rauschen acht Züge im Abstand von gut zwei Minuten in die eine und in die andere Richtung. Sie sind ganz unterschiedlich beladen: Autos, Menschen, Güter.

Einer ist eine Leerfahrt, der den Unmut noch größer werden lässt. Nach gut 20 Minuten öffnet sich die Grenze wieder und das Leben kann seinen gewohnten Gang gehen – für wenige Minuten, dann ertönt das bekannte „Kling-Kling“, die Ampel schaltet auf rot und die Arme der Schranke schließen sich. Wieder geteilt, für ungewisse Zeit.

©KS2017

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